Wer mich kennt, weiß, dass ich in den letzten Jahren vor allem auf Italienisch und Englisch geschrieben habe, für wissenschaftliche Zeitschriften und internationale Kontexte. Das hatte jedoch einen kleinen Nebeneffekt: Viele Menschen, die mir am Herzen liegen – Freunde, Familienmitglieder, Kollegen, die weder Englisch noch Italienisch sprechen – hatten keinen direkten Zugang zu dem, was ich zu erzählen versuchte.
Aus diesem Grund habe ich beschlossen, das Jahr mit der Veröffentlichung der vollständigen deutschen Übersetzung meines letzten wissenschaftlichen Artikels über die Krise des deutschen Krankenhaussystems abzuschließen.
Es handelt sich nicht um einen polemischen Text, sondern um eine Analyse.
Und vor allem ist es eine Reflexion, die nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa betrifft.
Wenn das deutsche Modell ins Wanken gerät: Was die Krankenhauskrise von 2025 über die Zukunft der europäischen Gesundheitssysteme verrät
Der Wirtschaftsmotor Deutschlands verliert an Fahrt – und seine Krankenhäuser gehen die Puste aus.
Einst ein Symbol für Effizienz und Stabilität, spiegelt das deutsche Gesundheitssystem heute die Fragilität eines Kontinents wider, der vergessen hat, wie man für die Zukunft plant.
Die Warnsignale waren schon seit langem sichtbar. Die wirtschaftliche Stagnation, steigende Energiekosten und die zunehmende Abhängigkeit von ausländischen Lieferketten haben das gebremst, was jahrzehntelang als „Lokomotive Europas” bezeichnet wurde. Für 2025 wird das deutsche BIP-Wachstum auf etwa 0,4 % geschätzt. Die großen Industriekonzerne haben Schwierigkeiten, wichtige Komponenten zu beschaffen und die steigenden Arbeitskosten zu tragen.
Der tiefste Schock kommt jedoch aus dem Bereich, in dem sich Deutschland immer am stärksten gefühlt hat: seinen Krankenhäusern.
Laut der Krankenhausstudie 2025 von Roland Berger haben drei von vier Krankenhäusern das Jahr 2024 mit einem Defizit abgeschlossen, und fast 89 % der öffentlichen Einrichtungen befinden sich in einer schwierigen finanziellen Lage. Personalmangel, Inflation und veraltete Infrastruktur treiben das System in eine strukturelle Krise. Die politische Reaktion darauf war jedoch uneinheitlich – und teilweise selbstzerstörerisch.
Zu Beginn des Jahres hat das Gesundheitsministerium die Möglichkeit für Krankenhäuser eingeschränkt, Tarifanpassungen entsprechend der tatsächlichen Inflation auszuhandeln, indem es die Obergrenze für Erstattungserhöhungen auf 2,98 % festgelegt hat. Für Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, handelt es sich dabei um einen regelrechten Wortbruch. Die Regierung, so argumentierte er, untergrabe ihr Versprechen, die Finanzierung an die tatsächlichen Kosten der Pflege zu koppeln. Das Ergebnis ist für alle sichtbar: mehr Schließungen, weniger Betten und eine wachsende Desillusionierung unter den Beschäftigten im Gesundheitswesen.
Ich arbeite innerhalb dieses Systems.
Als italienischer Orthopäde in Deutschland sehe ich jeden Tag sowohl seine Stärken als auch seine Widersprüche. Deutsche Krankenhäuser sind nach wie vor gut strukturiert und ausgestattet, aber sie sind auch von Bürokratie geplagt, in wesentlichen Bereichen unterfinanziert und entfernen sich immer mehr von ihrer ursprünglichen Aufgabe. Die politische Debatte konzentriert sich auf Zahlen, nicht auf Menschen. Zwischen Tabellenkalkulationen und Slogans ist die Verbindung zwischen Diagnose und Therapie – im klinischen, aber auch im symbolischen Sinne – verloren gegangen.
Das Paradoxe daran ist, dass sich alle über die Notwendigkeit einer Reform einig sind, aber jeder Schritt nach vorne scheint den Knoten nur noch fester zu ziehen. Die Regierung hat einen Investitionsplan in Höhe von 130 Milliarden Euro für Digitalisierung, Infrastruktur und territoriale Versorgung in den nächsten fünf Jahren angekündigt. Auf dem Papier sieht das visionär aus. In der Praxis war die erste damit verbundene Maßnahme jedoch eine Ausgabenkürzung. Der Wandel erfordert Vertrauen und Kontinuität – zwei Elemente, die dem deutschen Gesundheitswesen derzeit fehlen.
Die Krise betrifft jedoch nicht nur Deutschland.
Italien ist ein schmerzliches Spiegelbild. Der Haushaltsplan 2025 sieht eine Aufstockung des Nationalen Gesundheitsfonds um 1,3 Milliarden Euro vor, mit dem Versprechen weiterer schrittweiser Erhöhungen bis 2030. Aber nach mehr als einem Jahrzehnt mit Kürzungen in Höhe von über 37 Milliarden Euro handelt es sich dabei nur um minimale Reparaturen an einem Damm, der überall Wasser verliert. Die öffentlichen Krankenhäuser sind weiterhin unterbesetzt, die Notaufnahmen überfüllt, während der private Sektor nach und nach die Mittelschicht aufnimmt, die sich einst auf das öffentliche Gesundheitswesen verlassen hat. Der PNRR hätte das System modernisieren sollen, aber regionale Fragmentierung und politische Kurzsichtigkeit haben ihn zu einem weiteren nur teilweise eingehaltenen Versprechen gemacht.
Was Deutschland und Italien – und vielleicht ganz Europa – verbindet, ist nicht nur der finanzielle Druck, sondern eine tiefere kulturelle Ermüdung. Das Gesundheitswesen ist zu einem technischen Problem geworden und nicht mehr zu einem Sozialpakt. Die Minister sprechen von „Effizienz“, vermeiden jedoch Begriffe wie „Solidarität“ und „Vertrauen“. Von Ärzten wird verlangt, mit weniger mehr zu leisten; von Patienten, weniger zu erwarten und mehr zu bezahlen. Irgendwann auf diesem Weg haben wir die Vision durch das Management ersetzt.
Die deutsche Debatte bleibt zumindest brutal ehrlich. Krankenhausmanager, Berufsverbände und sogar die Medien kritisieren offen die Logik der Regierung. In Italien beschränkt sich die Diskussion oft auf Slogans oder Notfälle. Dennoch leiden beide Länder unter derselben Krankheit: kurzsichtige Politik, reaktive Regierungsführung, Verlust der strategischen Vorstellungskraft.
Über die nationalen Unterschiede hinaus steht Europa vor einem gemeinsamen Dilemma: demografischer Wandel, Burnout des Personals und ein immer kleiner werdender Pool an ausgebildeten Ärzten. Die WHO und die OECD warnen davor, dass bis 2030 mehr als vier Millionen Gesundheitsfachkräfte fehlen könnten. In Deutschland gibt es bereits Zehntausende offene Stellen im Pflegebereich und einen erheblichen Mangel an Ärzten. Wenn Abteilungen nicht wegen Patientenmangels, sondern wegen Personalmangels schließen, geht das Problem über die Wirtschaft hinaus und wird zu einem moralischen Problem.
Wenn sogar Deutschland – der Inbegriff europäischer Stabilität – ins Wanken gerät, dann ist kein System immun. Wir erleben nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern auch die Aushöhlung einer gemeinsamen Vorstellung von öffentlicher Gesundheit. Ein Kontinent, der seine Identität auf der Universalität der Gesundheitsversorgung aufgebaut hat, verhandelt heute in Excel-Tabellen über deren Überleben.
Um das Vertrauen in die Medizin wiederherzustellen, bedarf es weit mehr als nur Digitalisierung oder Kosteneinsparungen. Es bedarf einer neuen Erzählung, die Kompetenz vor Rhetorik und Mut vor Bequemlichkeit stellt. Für die europäischen Krankenhäuser ist dies nicht nur eine Zeit der Reformen. Es ist eine Zeit, die Ehrlichkeit, Weitsicht und moralischen Wiederaufbau erfordert.
Abschließende Überlegung: Ausländische Ärzte in Deutschland heute
Wenn ich diesen von mir veröffentlichten Leitartikel noch einmal lese, kann ich mich einer Überlegung nicht erwehren, die mich persönlich sehr berührt.
Das deutsche Gesundheitswesen stützt sich auch heute noch weitgehend auf die Arbeit ausländischer Ärzte. Das ist eine Tatsache, keine Meinung. In vielen Regionen, vor allem in den weniger attraktiven (Ostdeutschland), gäbe es ohne Fachkräfte aus dem Ausland ganze Abteilungen einfach nicht.
Dennoch bleibt dieser Beitrag oft unerwähnt.
Ausländische Ärzte werden „gezählt“, aber selten angehört. Sie werden als numerische Lösung verwendet und fast nie als „denkender“ Teil einer langfristigen Vision betrachtet. Die Integration beruht eher auf individueller Widerstandskraft als auf einem gemeinsamen kollektiven Projekt. Bürokratie, Sprache, langsame Karriereentwicklung und eine gewisse berufliche Einsamkeit gehören zum Alltag vieler Kollegen – selbst wenn die klinische Arbeit auf hohem Niveau erfolgt.
Mit der Zeit lernt man, damit zu leben. Zusammenleben bedeutet jedoch nicht, dass es richtig oder nachhaltig ist.
In einem unter Druck stehenden System wie dem deutschen ist es ein Widerspruch, von denen, die gekommen sind, um eine Lücke zu füllen, immer mehr zu verlangen, ohne wirklich in ihre Bindung, ihre Wertschätzung und ihre Integration in ein gemeinsames Projekt zu investieren. Früher oder später wird dies seine Folgen haben.
Hinter jedem ausländischen Arzt steht nicht nur eine anerkannte Qualifikation oder eine besetzte Stelle.
Es ist eine Geschichte von Entscheidungen, Umzügen, Verzichten und ständigen Anpassungen.
Es gibt den oft stillen Versuch, seine Arbeit gut zu machen, in einem Umfeld, das nicht immer das gleiche Vertrauen zurückgibt, das es verlangt.
Vielleicht sollte man auch hier ansetzen.
Indem man anerkennt, dass das europäische Gesundheitswesen nicht nur durch angekündigte Reformen oder geordnete Haushalte aufrechterhalten wird, sondern durch die Menschen, die es jeden Tag am Laufen halten, oft fern von zu Hause, oft ohne Stimme in der öffentlichen Debatte.
Ich schließe diesen letzten Beitrag des Jahres mit einer einfachen Überzeugung, die ich im Laufe der Zeit gewonnen habe:
Wenn wir das Gesundheitswesen nicht wieder als einen menschlichen und nicht nur als einen wirtschaftlichen Pakt betrachten, wird kein Modell – nicht einmal das solideste – auf Dauer Bestand haben.
Gian Marco Rizzuti
